Der Zitzmerstadl
Ein Bundwerkstadel aus dem Jahr 1860, eingetragen als bayerisches Baudenkmal – und ein Stück lebendiger Geschichte im Herzen Ampfings.
Vom Wirtschaftsgebäude zum Baudenkmal
An der Schweppermannstraße 11a in Ampfing steht ein Gebäude, das die Geschichte der Gemeinde in seiner Substanz trägt: Der Zitzmerstadl, ein großer, langgestreckter Bundwerkstadel mit Satteldach, verputztem ziegelgemauertem Sockel und reichem Holzgitterwerk, wurde um das Jahr 1860 errichtet – in einer Zeit, in der die bayerische Landwirtschaft blühte und der Bedarf an großen Wirtschaftsgebäuden im nordöstlichen Oberbayern seinen Höhepunkt erreichte.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat den Stadel als eingetragenes Baudenkmal in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen (Aktennummer D-1-83-112). Damit ist er eines der wenigen erhaltenen und als schutzwürdig eingestuften Beispiele der Bundwerkbauweise in der Region – ein Zeugnis handwerklicher Meisterschaft und bäuerlicher Alltagskultur des 19. Jahrhunderts.
Großer, langgestreckter Bundwerkstadel mit Satteldach, verputztem ziegelgemauertem Sockel und reichem Gitterwerk; um 1860.
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege · Aktennummer D-1-83-112Ampfing: Historischer Kontext
Ampfing gehört zu den geschichtsreichen Gemeinden Altbayerns. Von 1220 bis zur Säkularisation 1803 war es inkorporierte Pfarrei des Augustiner-Chorherrenstifts Au am Inn. Die Schweppermannstraße, an der der Zitzmerstadl steht, erinnert an Seyfried Schweppermann – den Helden der Schlacht bei Mühldorf am 28. September 1322, einer der bedeutendsten mittelalterlichen Schlachten Bayerns, in der Ludwig der Bayer seinen Gegner Friedrich den Schönen entscheidend besiegte.
Der Zitzmerhof: Namensgeber seit dem 17. Jahrhundert
Der Stadel trägt den Namen des Hofes, zu dem er gehörte. Die bislang früheste bekannte Erwähnung dieses Hofnamens stammt aus einer Gerichtsurkunde vom 27. November 1692: Darin übergibt der Freiherr vom Neuhaus, Schlossherr zu Zangberg, dem damals vierjährigen Mertin Zitzmeier – Sohn des Hans Zitzmeier – die salzburgische „Zitzmayer-Hube" leibrechtsweise. Die mehrseitige Papierurkunde des Landgerichts Neumarkt liegt heute im Staatsarchiv München im Bestand der Hofmark Zangberg.
Die Urkunde wurde im September 2026 von Daniel Baumgartner, Geschichtskoordinator des Landkreises Mühldorf am Inn, im Staatsarchiv München ermittelt und erstmals öffentlich vorgestellt.
Für das 18. Jahrhundert sind in Ampfing 34 Anwesen unterschiedlicher Größe und Bedeutung bekannt, teilweise mit Handwerksrechten verbunden – darunter eine Wagnergerechtigkeit und eine Handschmiede. 31 dieser Anwesen waren Untertanen des Salzburger Propsteigerichts, drei dem salzburgischen Probstgericht Mühldorf zugeordnet. Die Ampfinger Bauern waren damit ganz überwiegend Salzburger Grunduntertanen.
Der Zitzmerhof zählte innerhalb dieser Ordnung zu den Viertelhöfen – eine mittlere Kategorie in der nach Hofgrößen gestaffelten Hierarchie, an deren Spitze die Meierhöfe standen.
„Ein Stück Ampfing, das nicht nur erhalten, sondern neu erzählt werden soll."
Gemeinde AmpfingFrühere Nutzung
Ursprünglich als Wirtschaftsstadel errichtet, diente der Zitzmerstadl Generationen von Landwirten zum Dreschen und Lagern von Getreide, zum Unterstellen von Maschinen und zur Aufbewahrung von Stroh und Viehfutter.
1964: Die Aussiedlung
Der Hof blieb bis zum Tod des letzten Zitzmer im Jahr 1962 in Nutzung. Zwei Jahre später entschloss sich die Familie zur Aussiedlung: Die Zufahrt zu den Feldern führte bis dahin entweder durch die enge Hofgasse oder an der Schmiede vorbei – mit modernen Fahrzeugen und großen Anhängern zunehmend unpraktikabel. 1964 siedelte der Hof an den Ortsrand Richtung Stephanskirchen aus, wo er bis heute steht. Im freigewordenen Areal entstand die heutige Hofgasse; Wohngebäude und Nebenbauten des alten Hofes wurden abgebrochen. Erhalten blieb allein der Stadel – weil er noch in Nutzung war.
1960er: Betonrohre für Ampfings Kanalisation
Ampfing baute in jenen Jahren als eine der ersten Kommunen der Region eine Kläranlage mit Wasser- und Abwasserentsorgung. Dafür wurden Betonrohre gebraucht – und die wurden im Zitzmerstadl gegossen. Ein ortsansässiger Unternehmer hatte den leerstehenden Stadel ab 1960 zunächst gepachtet, 1964 erworben und die Produktion bis zum Ende der 1960er-Jahre betrieben; ein Nachfolger führte sie noch einige Jahre weiter. Die fertigen Rohre lagerten auf der Freifläche vor dem Gebäude.
Der Umbau eines landwirtschaftlichen Stadels zum Industriebau ging nicht ohne Eingriffe in die historische Substanz vonstatten. Für den Einbau eines Silos wurden tragende Balken kurzerhand mit der Kettensäge herausgeschnitten – mit erheblichen Folgen für die Statik. Das Dach erhielt eine Eternitdeckung, Fenster wurden durch Glasbausteine ersetzt, und die zunehmend durchfeuchtete Mauer blieb unbeachtet.
1979–2015: Gemeindebauhof
1979 erwarb die Gemeinde Ampfing das Gebäude in diesem Zustand. In den folgenden Jahrzehnten diente es als Bauhoflager und der Feuerwehr, beherbergte zeitweise ein Gartenfest und zuletzt eine Kabelbaufirma – funktionale Verwendungen, die dem historischen Wert des Baudenkmals nicht gerecht wurden.
2015 erreichte die Gemeinde eine Aufforderung des Denkmalamtes mit einer unmissverständlichen Feststellung: Das Gebäude war einsturzgefährdet. Damit begann die Auseinandersetzung, aus der die Sanierung hervorging.
Neue Nutzung: Kulturstadel
Ab April 2026 ist der Zitzmerstadl offiziell Kulturstadel der Gemeinde Ampfing. Unter seinem Satteldach finden sich drei Bereiche: der Veranstaltungsraum für die rund 50 Ampfinger Vereine, ein neues Trauzimmer des Standesamts sowie der Außenbereich für Märkte und Freiluftveranstaltungen.
Der Stadel bleibt damit im Besitz und unter Trägerschaft der Gemeinde – ein Begegnungsort für alle Bürgerinnen und Bürger, der Geschichte und Gegenwart verbindet.
Ampfing und der Zitzmerstadl im Wandel der Zeit
Von der ersten urkundlichen Erwähnung des Hofnamens bis zur Eröffnung als Kulturstadel.
Eindrücke vom Zitzmerstadl
Was ist ein Bundwerkstadl?
Die Bauweise hinter dem Gitterwerk – Geschichte, Konstruktion und regionale Bedeutung.
Zur BauweiseDie Sanierung
Wie aus dem Bauhof ein Kulturstadel wurde – der Weg von der Ruhe zur Bühne.
Zur SanierungWas im Stadl stattfindet
Wenzelsmarkt, Food-Truck-Treffen, Adventszauber – der Kulturstadel als lebendiger Marktplatz und Veranstaltungsort.
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